Das Tourismuscamp 2010 in Eichstätt ist nicht wirklich wegweisend

Es zeigt sich an allen Ecken und Enden. Es knirscht und knarzt in der Branche. Die Touristik ist brutalen Marktveränderungen unterworfen. Der Paradigmenwechsel und die Krise haben alle Beteiligten im letzten Jahr stärker erfasst als in den Jahren zuvor. Die Auswirkungen sind jetzt dramatisch spürbar. Innerhalb der Branche sind die Folgen offensichtlich, unter anderen:

• Die Umsätze der großen Reiseveranstalter brechen ein
• Die Kunden gehen per Internet direkte Wege zu den Leistungsträgern (Hotels, Schiffe, Flieger) unter Umgehung der Reisevermittler
• Die Zahl der Reisevermittler (Reisebüros) in Deutschland ist gesunken
• Die Leistungsträger ächzen unter Überkapazitäten, Preisschlachten und -kämpfen
• Die Kunden haben sich an Last Minute zum Nulltarif gewöhnt und fordern noch billiger
• Social Media ist auf dem Vormarsch und setzt etablierten Teilnehmern zu
• Technische Umwälzungen bringen jeden Tag neue Erfindungen mit sich, die jeweils bahnbrechend sind und neue Anpassungen erfordern

Demgegenüber stehen gestandene Touristiker der guten alten Zeit, die ihr Geschäft kennen, Kontakte haben, gut vernetzt sind, verwöhnt von Umsatzzahlen, die leicht zu erreichen waren als die Sonne schien, die Service von der Pike beherrschen, Destinationen wie ihre Westentasche kennen und eine Menge Erfahrung haben. – Nervös, was die Zukunft bringen wird.

Demgegenüber stehen die euphorischen Nerds und Freaks der Google-Generation, deren einzige Attitüde die des verinnerlichten Bewusstseins des Fortschritts ist. – Ebenfalls nervös und aufgeregt (thrilled), wenn auch aus anderen Gründen, was die Zukunft bringen wird. Zurzeit versammelt im Tourismuscamp in Eichstädt beim Tourismuscamp 2010. Vielleicht nicht alle, aber ein Teil davon.

Und ich frage mich, verläuft die Frontlinie wirklich zwischen diesen Lagern? Sind das die Alternativen?

Welche anderen Player und Marktteilnehmer gibt es außerdem? Verbände wie DRV, Organisationen wie RTK und Zwitter wie Schmetterling Kooperation plus Veranstalter. Dann die Online Reisebüros, die sich seit den Aufbrüchen ins Internet auf neue Wege gemacht haben. Softwarehersteller, die Lösungen anbieten, Contentanbieter wie Traveltainment und Traffics, die Angebote und Booking Engines bereit stellen, etc.

Die Lage ist kompliziert und komplex zugleich. Ständige neue Tendenzen erschweren den Blick.

Und was bietet das Tourismuscamp 2010 in dieser Situation? Ich lese den Timetable und denke als erstes – Spielwiese und Sandkasten.

Ja, Twitter, Web 2.0, Bewertungsportale, Virales Marketing, iPhone Apps und Geo-Caching sind überall im Fokus. Aber sind Lösungen nur in dieser Richtung zu suchen?

Nein. Nicht nur.

Es dreht sich in diesen Timetables der Organisatoren und Teilnehmer hauptsächlich um Technik, Revolution der Medien, Spiele, Fans und Followers. Aber die Gefahren der technischen Entwicklung werden nicht erkannt, jedenfalls werden sie nicht ausreichend diskutiert. Diese sind Datenkonzentration, Überwachung und Marktkonzentration auf wenige Big Player.

Stichwort Augmented Reality. Wenn ich mein Hand zücke, ein Foto einer beliebigen Person aufnehme und in Sekundenschnelle alle Daten geliefert bekomme, die mir Facebook, Google, Twitter und andere Datensammler liefern, dann geht mir das entschieden zu weit. Die Euphorie über die Entwicklungen verdeckt die Fallen.

Zum Beispiel diese These: ‚Privatsphäre und Öffentlichkeit‘ und diese Diskussionslinie ‚Wir alle leben heutzutage öffentlich. Gewöhnt euch daran!‘ werde ich in ihrer totalitären Auswirkung nicht akzeptieren und für mich selbst andere Akzente setzen.

Deshalb sind in meinen Augen auch andere Themen wichtig und im Fokus. Die werden auf dem Tourismuscamp 2010 in Eichstätt nicht diskutiert. Deshalb bin ich nicht dort.
(Abgesehen von der Tatsache, dass im Moment die CMT läuft, neben der ITB und dem fvw – Kongress eine der wichtigsten Touristikveranstaltungen für Deutschland).

Ja, was sind meine Themen?

Stichwort Mensch.
Stichwort Service (von Mensch zu Mensch).
Stichwort Fachwissen.
Stichwort Qualität.
Stichwort Integration Aller Medien (auch der alten, die immer noch ihre Bedeutung haben und noch lange haben werden).
Was ist gut? Was kann bleiben? Was muss sich ändern?

Einschränkende Technikeuphorie ist kurzsichtig und damit nicht die richtige Richtung.

Das haben einige Andere wohl auch erkannt und deshalb sind die echten Cracks und Großen der Branche, die etwas zu sagen haben, auf dem Tourismuscamp nicht zu finden.

10 Kommentare zu “Das Tourismuscamp 2010 in Eichstätt ist nicht wirklich wegweisend

  1. In vielen Punkten gebe ich Dir recht. Speziell beim Widerspruch zwischen Bequemlichkeit und Privatsphäre.

    Deine Kritik am Tourismuscamp ist ja auch nicht wirklich neu, sondern wurde schon oft gegenüber Barcamps ins Felde geführt. Muß ich darauf mit der üblichen „Verteidigung“ reagieren? Dass der Themenplan und die Diskussionen eben genau von denen abhängen, die dort sind?

    Ich denke, Session zu „Mensch-Mensch Service“, „Fachwissen, Schlüßel zur Servicequalität?“ oder ähnliches hätte gute Chancen gehabt. Schade, dass wir beide nicht dabei sind :)

    Und dann bleibt mir nach all Deiner berechtigten Kritik die Frage: Wo finde ich denn die „echten Cracks und Großen der Branche“? Beim DeHoGa-Kongress? Bei der CMT? Ich bin durch alle Hallen in Stuttgart gestiefelt (wie jedes Jahr) und habe wirklich GAR NICHTS neues, bahnbrechendes oder auch nur wirklich Einfallsreiches gesehen. Auch Kobjol erzählt seit Jahren das gleiche und in diversen Branchenmagazinen und Zeitungen sind inzwischen schon so viele Wiederholungen an mir vorbei, dass ich es gar nicht mehr zählen will.

    Dann geh‘ ich lieber für ein Wochenende in den „Sandkasten“ des Hotel/Tourismus/Castlecamps oder zum TourismusBesprechungsraum und anschließend, im eigenen Hause bringe ich das so gut es geht in meinen Dienst am Gast ein.

    PS: Dein Artikel hat funktioniert: Ich schau mir jetzt dann mal in Ruhe Dein Blog an. Wärend ich dem TC10 Livestream zuhöre :)

  2. Lieber Stefan – dieser Artikel war eigentlich zwei. Die zweite Hälfte geht über die Kritik am TC10 hinaus und wird irgendwann demnächst von mir veröffentlicht und beschäftigt sich mit den verkrusteten Strukturen beispielsweise bei Reisemittlern, Betriebsformen und Reisebüro-Kooperationen und deren unbefriedigenden Antworten auf die drängenden Fragen der Zeit. Beschäftigt sich mit Überlegungen, wie das Reisebüro der Zukunft aussehen könnte. Was die Veranstalter an Mehrwert bieten müssen, damit die Kunden echten Service bekommen und nicht alles selbst und direkt erledigen. Wo die Nischen sind für die Menschen im Gewerbe und was die Faszination der Fachleute in der Tourismusbranche ausmacht.

    Leider habe ich sehr wenig Zeit, um mich intensiver umfassend theoretisch und praktisch mit der Thematik zu beschäftigen. Ich bin Geschäftsführer von 2 Betrieben. Das bindet eigentlich alle Kräfte. Da ich aber ein großes Interesse an den Entwicklungen und viele Ideen habe, wie es weitergehen könnte, bleibe ich auf jeden Fall mit den Themen intensiv verbunden.

    Zu Deinen Fragen und Anregungen: Ich wäre auch gerne nach Eichstätt gekommen um diese Fragen zu diskutieren. Ich weiss, dass man diese Inhalte auf die Agenda setzen und damit die Richtung beeinflussen kann. Im Überschwang und der Begeisterung für Gadgets und Geräte wäre ich vielleicht ein einsamer Rufer in der Wüste. Aber dazu muss man sich auch gut vorbereiten. Ich möchte nicht den Eindruck machen, dass ich querschieße ohne echte Alternativen zu bieten. Die gibt es.

    Auf der CMT muss man nicht unbedingt Neues und Bahnbrechendes finden. Muss es das immer sein? Langsame Veränderungen tun es manchmal auch.

    Übrigens bin ich der Meinung, dass das Tourismuscamp eine wichtige Einrichtung ist, aber dieses Jahr musste ich deutlich warnen vor allzu blinder Begeisterung.

  3. Lieber Florian, ich komme gerne vorbei, wenn es zeitlich geht und wenn ihr wichtige touristische Events berücksichtigt. Die CMT ist für mich aus kommerziellen Gründen wichtig. Trotz allem fühle ich mich auch dank eurer hervorragenden Dokumentationen und Timetables und Statements bestens informiert (auch aus der Ferne). In diesem Sinn gebührt euch ein großes Lob und ich hoffe doch sehr, dass ihr durchaus auch kritisch mit dem Thema (web 2.0 nehme ich an) umgeht.

    Vielleicht klappt es ja auf der ITB mit einem Austausch und Treff. Grüße Bernd

  4. Ja, noch sind es vielleicht die „euphorischen Nerds und Freaks der Google-Generation“, die sich mit der Frage beschäftigen, was die Zukunft birgt, wie man diese mitgestalten kann, wie man diesen Weg zum Wohle des Reisenden / Gastes und zum eigenen Wohle mit neuen Techniken und Denkweisen umsetzen kann.

    Ich denke, dass die folgenden von Dir aufgeworfenen Themen einfach die Basis für alles weitere Handeln sind:

    Stichwort Mensch.
    Stichwort Service (von Mensch zu Mensch).
    Stichwort Fachwissen.
    Stichwort Qualität.
    Stichwort Integration Aller Medien (auch der alten, die immer noch ihre Bedeutung haben und noch lange haben werden).
    Was ist gut? Was kann bleiben? Was muss sich ändern?

    Dennoch: ein wenig Euphorie und Visionen sowie diszipliniertes Verwirklichen der Visionen durch harte Arbeit und ständiges sich Fortbilden können nicht schaden, positive Veränderung herbeizuführen.

    Klar, die Gadgets sind nur das. Wichtig ist, warum die Menschen diese verstärkt benutzen (wollen), was sich in ihrem Kopf abspielt, welche Sehnsüchte und Wünsche sie haben, wie und warum sie diese Werkzeuge einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen … wie sich die Mentalität der Menschen überhaupt verändert in einer sich rasant verändernden Welt. Die Werkzeuge bleiben Werkzeuge. Insofern gilt die Euphorie nicht den Gadgets, sondern den Menschen in einer sich verändernden Welt.

    Da können wir dabei sein und mitgestalten, uns selbst entwickeln, auch mal Fehler machen und daraus lernen… oder wir können einfach nur zuschauen und uns später wundern, warum der Zug schon abgefahren ist bzw. warum wir gar nicht wussten, dass der Zug hält und an welchem Bahnsteig. Geschweige denn, wohin er überhaupt fährt…

  5. Hallo Bernd,
    ich finde Deine kritischen Anmerkungen spannend und sie hätten wirklich gut zu den Diskussionen auf dem Camp gepaßt.
    Ich denke allerdings, dass es im Grunde nur bedingt um die neuen technischen Gadgets geht, auch wenn die natürlich immer gerne gezeigt und vorgestellt werden.
    Ich denke es geht häufig vor allem um das völlig veränderte Verhalten der Urlauber bei der Suche nach einer Reise ( Unterkunft)
    Und dabei sind die technischen Möglichkeiten natürlich die Treiber der Veränderungen.
    Technisch word schon bald (fast) alles möglich sein. Und dann stellt sich die Frage mehr denn je: „Wo ist die Grenze“?

    Viele Grüße aus Berlin
    Carsten

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